Weizen zwischen Bodenleben und Geld
Der Weizen aus der Aktion Zukunft säen am 3. Oktober spriesst schon!
Warum bauen wir Gärtner eigentlich Weizen an? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist er bei uns ein wichtiges Element in der Fruchtfolge, zum anderen wird ein Teil zum Brotbacken verwendet, der grössere Teil geht an unser Milchvieh. Auch das Stroh geht in den Stall. Aber warum haben die Gärtner Kühe? Genau, für den Mist, der für unsere Bodenfruchtbarkeit von besonders grosser Bedeutung ist. Er wird zusammen mit Gemüseabfällen und Pferdemist kompostiert. Man muss sich unsere Kompostmieten recht groß vorstellen etwa 500 m insgesamt, deren Material jedes Jahr zusammengefahren, aufgesetzt, präpariert, umgesetzt und auf den Anbauflächen ausgebracht werden. Der biodynamische Kompost ist also wirklich das Herzstück unserer Bodenfruchtbarkeit. Und jede Maßnahme, sozusagen jeder Getreidehalm hat damit seinen Sinn, seine Bedeutung im Betrieb.
Bleiben wir mal beim Getreide. Auf der Erde gibt es über eine Milliarde Menschen, die hungern. Es hat vielerlei Gründe, nur nicht den, dass es nicht genug zu Essen gibt.
Es ist ein Paradoxon unserer Zeit. Denn einerseits bekommen die Produzenten von Getreide zu wenig dafür. Das hat Wirkungen bis in die Seele.
Im vergangenen Jahr sprach ich mit einer Nachbarin, gerade war sie mit der Getreideernte fertig und ich fragte wie es ging. „Ja es ging noch ganz gut mit dem Wetter, - aber man bekommt doch nichts für das Zeugs“. Ich war wie vor den Kopf gestossen, wie kann eine Bäuerin so über ihr eigenes Ernteprodukt sprechen. Es muss doch eine grosse Entfremdung vorliegen zwischen dem Menschen und seinem Tun. Ausgelöst ist dies durch die fehlende Wertschätzung der Gesellschaft - für den Bauern ist der Preis seiner Erzeugnisse zu gering.
Und andererseits der Hungernde, einer der einen Milliarde, er hat nicht genug Geld um das Getreide für sich und seine Familie zu kaufen. Der Preis für den Weizen ist in seiner Situation, seinem ökonomischen Umfeld zu hoch.
Das Paradoxon liegt irgendwo zwischen diesen Beiden. Es ist, wie eine Demonstrantin in Frankfurt vor den belagerten Bankgebäuden sagte: „Ich demonstriere hier, weil ich nicht mehr verstehe, was los ist, ich müsste es verstehen, denn ich bin Wirtschaftswissenschaftlerin.“ Das ist also das dritte. Das namenlose, gesichtslose Etwas, welches Milliarden $ oder € durch den Äther kreisen lässt, um aus Gerüchten Gewinne herauszuspekulieren. Food Watch schreibt es klar: Finanzspekulationen auf Rohstoffe und Nahrungsmittel sind an weltweiten Hungersnöten mitschuldig.
Es bleibt uns aber eine Lösung: Der faire, möglichst direkte Kontakt zwischen Erzeuger und Verbraucher. Die Stärkung der überschaubaren regionalen Wirtschaftskreisläufe und deren Kooperation untereinander. So kann ich trotz geringer Wertschätzung meiner Arbeit durch die Gesellschaft – die „grünen Berufe“ sind mit am schlechtesten bezahlt – durch mein Tun erfüllt sein, denn ich bin sozial eingebunden. Und meine Arbeit hat ganz unabhängig davon eine erweiterte Bedeutung durch ihren pflegenden Charakter an der Erde. Biodiversität, die für unser Leben immer wichtiger wird, findet nicht nur über der Erde, sondern eben auch im Erdboden statt, dort wo der Kompost wirkt.
Wolfgang Raddatz
