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Begleiter erster Wahl - regional

22.06.2011 17:46 von Wolfgang Raddatz

Wir knien in der Rote Bete Kultur und ziehen Unkraut. Es hat zuvor vielmals geregnet und der Boden ist feucht.  Mit den Unkrautwurzeln geht deshalb viel Erde mit heraus. Einige Male hat sich auch eine Rote Bete in den Wurzeln verfangen und liegt nun,  bereits  pflaumengross, auf dem Weg.
Welche Pflanzen haben wir da eigentlich? Da ist das Franzosenkraut , eine Komposite wie die Sonnenblume, stammt aus Peru und wurde über den Botanischen  Garten von Paris (daher der Name) ab 1810 in ganz Europa verbreitet. Dann die Melde, ein Gänsefußgewächs, wie unsere Rote Bete, sie zeigt uns, dass unser Boden fruchtbar ist. Die roten Taubnesseln haben immer eine Hummel dabei, da sind einige Disteln, Amaranth und süß duftende Knöterichgewächse.
Das Unkrautjäten ist ein recht lästiges Geschäft, der Rücken schmerzt. Aber wozu ist das Unkraut denn eigentlich da, will es uns etwa ärgern? Nein, es ist ja Beikraut, blühende Begleitflora unserer Nahrungspflanzen.

Die Erde hat den unbändigen Willen, sich zu beleben, sich mit Pflanzen zu bedecken. Das sehen wir etwa auf Felsen im Hochgebirge, oder an Wüstenrändern, an Küsten.
Wir  bezeichnen es auf unseren Feldern dann als Unkraut. Bei genauem Hinsehen ist es aber Heilkraut. Denn die Erde heilt dadurch die Wunde, die wir Menschen durch unsere Tätigkeit als Gärtner der Erde antun müssen.
Wenn man einen Sandhaufen liegen lässt, so kleidet er sich in wenigen Monaten mit allerlei Kräutern, die wir Pionierpflanzen nennen. Da sind sogar Weiden und Birken beteiligt. Auf dem Acker ist es nicht anders, nur die “verwendeten” Pflanzen sind andere und sie gestalten sich erstaunlich exakt nach den Notwendigkeiten des Bodens und auch des Klimas. Dieses Frühjahr war die Kamille besonders verbreitet.

Können wir nicht ohne diese Begleiter auskommen? Seit dem Buch von Rahel Carson “Der stumme Frühling” (1962) wissen wir, dass es nicht geht. Wir wissen dass die gesamte Naturumgebung dann verarmt – und der Mensch etwa nicht? Das ist besonders durch die Herbizide der konventionellen Landwirtschaft der Fall. Man kann auch deutlich sehen, dass die Feldränder als Biotope garnicht ausreichen, was oft behauptet wird. Besonders auch deshalb nicht, weil sie nur gemulcht werden, und dadurch zu reinen Grasbeständen ohne jede Blütenpflanze werden.

Unsere Äcker in Ingersheim dagegen tragen immerzu irgendwo Begleitflora, wir haben auf jeder Parzelle noch extra Blühstreifen ausgesät. Unsere Feldhecken sind üppig belebt mit vielerlei Singvögeln.
Und wenn unsere Praktikanten beim Jäten bemerken, dass es ja überall krabbelt und summt, dann können wir mit Gewissheit sagen, dass unsere Rote Beete aus einem superreichen, lebendigen, zusammenhängenden Organismus kommen und dies den Menschen, die sie nachher essen, auch “mitteilen” werden. 

Noch einen weiteren Aspekt gilt es aber zu betrachten: So wie die rein physische Erde die unendliche Zahl an Pflanzen braucht um sich zu beleben, sich mit einer lebendigen Hülle zu umgeben, so brauchen die Pflanzen das ganze Reich der Tiere. Bei Apfelbaum und Bienen wissen wir das ja genau, dort ist es ganz offensichtlich. Jede Blüte hat den unbändigen Willen von einem Insekt besucht zu werden.
 Die Pflanzen können sich selbst keine Gefühlswelt aufbauen, dafuer brauchen sie unbedingt das in  ihrem Umkreis lebende Tier: Wurm, Insekt, Vogel bis hin zur Kuh. Tiere vermitteln das den Pflanzen, auch unseren Rote Beete.

Es liegt letztlich am Menschen, das zu erkennen und den gärtnerischen Anbau danach einzurichten. Es ist die bewusste Entscheidung des Gärtners, ausschliesslich das zu tun, was die Wesen, mit denen er umgeht, nötig haben. Dann gedeihen vollkommene, gesunde Pflanzen und die Pflegearbeit des Jätens wird als viel leichter empfunden. Wenn dann der “Konsument” das schmeckt, empfindet und bewusst wertschätzt, dann ist er im Sinne von Carlo Petrini (Slow Food) Mitproduzent geworden.

Noch zwei Aspekte sollen bedacht werden, die beide nicht unmittelbar sichtbar sind: Solange wir jäten, können wir nicht Lauch pflanzen oder Tomaten ernten. Unkraut ist also von betrieblicher Seite gesprochen ein Kostenfaktor, denn auch für diese Arbeit müssen wir ja bezahlt werden. Und bedenken wir auch die andere Seite: Dasjenige Unsichtbare was mit jenen Kräften und Wesen zusammhängt die manch einer vielleicht zu spüren meint, mancher ahnen mag, mancher vielleicht (noch) belächelt, die bei der Bildung von Pflanzen wirksam sind. Es ist der Bereich, den Michael Olbrich-Majer in Info 3  Heft6/2011 mit den Worten charkterisiert: Es ist wohl mehr als Wissenschaft vonnöten, um zu erkennen, wie die Naturwesen eine Blume malen.

Wolfgang Raddatz
Juni 2011

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